Die Wohnkolonie Jungholz wurde 1947/48 von Fritz Metzger erbaut und liegt in einem gartenstädtischen Gefüge, das im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS) verzeichnet ist. Angesichts der Zürcher Wohnungskrise will die Genossenschaft die Zahl der Wohnungen auf ihrem Grundstück verdreifachen. Damit stellt sich nicht nur die Frage, wie mehr gebaut werden kann, sondern wie Verdichtung die grosszügige Verbindung von Wohnen, Landschaft und gemeinschaftlichem Leben erneuert, die die bestehende Siedlung prägt.
«Alle zu Tisch!» nimmt ein Grundverständnis des Zürcher Genossenschaftsbaus ernst: Eine Siedlung soll nicht nur Wohnraum schaffen, sondern auch einen Beitrag zum Stadtraum leisten. Das Projekt führt eine räumliche Logik weiter, die sowohl die Zürcher Genossenschaftskultur als auch Jungholz geprägt hat: Häuser gruppieren sich um gemeinsame Freiräume. Die neuen Volumina rücken an den Arealrand, stärken diese Figur und öffnen sie zugleich zur Stadt. Zur Strasse hin bilden grosszügige Eingangsbereiche bewohnte Schwellen zwischen Trottoir und Genossenschaftsleben. An der Obsthaldenstrasse fassen die Gebäude einen neuen Quartierplatz; im Inneren bewahren und erweitern sie den grünen Hof. Die Durchwegung erschliesst das Haus in der Arealmitte und erhält so die parkartige Durchlässigkeit der Siedlung, ohne die Privatheit des Hofs preiszugeben.
Quartierplatz und Hof entstehen aus derselben räumlichen Geste: Die Häuser versammeln sich um eine gemeinschaftliche Mitte. Der Platz wird von zwei Neubauten und einem Haus von 1948 gefasst, das zum Gemeinschaftspavillon umgebaut wird. Zusammen geben Alt und Neu der Genossenschaft eine öffentliche Adresse und schaffen einen Ort der Begegnung für das Quartier. Der Hof wird von den langen Fassaden der drei neuen Holzzeilen gerahmt und zum gemeinschaftlichen Innenraum der Siedlung: ein geteilter Freiraum mit Wiesen, Pflanzgärten, Grillstelle und Badebrunnen unter den Bäumen.
Dasselbe Prinzip prägt die Wohnungen. Die Zimmer gruppieren sich um eine zentrale Küchenhalle, mit dem Esstisch in der Mitte des Grundrisses. Der durchgehende Raum öffnet sich zu beiden Seiten und wird zur flexiblen Mitte des Alltags; zusätzliche Türen erlauben, die angrenzenden Zimmer an unterschiedliche Haushaltsformen und Lebensphasen anzupassen. Der Esstisch wird damit zum häuslichen Gegenstück von Quartierplatz und Hof: zur gemeinsamen Mitte, um die sich das tägliche Leben versammelt — alle zu Tisch!
Das Projekt überführt Natalia Voroshilovas Doktorarbeit zum Zürcher Gartenstadt-Städtebau in Entwurfspraxis. Es versteht die Gartenstadt nicht als festes Bild, das bewahrt werden muss, sondern als urbanes Versprechen, das weitergeführt werden kann: Wohnungsbau, der grosszügige öffentliche Räume für Gemeinschaft und Quartier hervorbringt.